Adam ist wieder zu mir geschwommen. Ich war im Wasser und sah einen sehr schönen Mann vor mir, wusste nicht, wer er ist, weil mich die Sonne so geblendet hat und ich nicht sah, dass es mein Leben ist. Er ist auf dem Rücken auf mich zu geschwommen und hat mich angestrahlt aus dunklen Augen, da erkannte ich ihn erst und habe C’est toi! gerufen, er verstand es nicht, ich habe es noch einmal gerufen, er hat sich umgedreht und ist langsam neben mir her geschwommen und wir haben uns im Schwimmen unterhalten wie alte Freundinnen. Ich habe ihm erzählt, dass ich im 10A ein Kind mit einem Zeugnis gesehen hätte, ich habe es nach den Noten gefragt, es hatte nur Dreier und Vierer, nur in Leibesübungen einen Einser, bei dem Wort 10A hat er gelächelt, fährt er auch mit dem 10A? Gestern hat er mir erzählt, dass er mit der U4 gefahren ist. Er hat gesagt schon in der Volksschule, das sei aber schlecht, ich habe gesagt, dass das wahrscheinlich ein jugoslawisches Kind war, die Ausländerkinder bekämen immer schlechtere Noten, wir sind am Beckenrand angekommen und stehen geblieben, er hat mich angesehen und nichts gesagt, ich habe auch nichts mehr gesagt, ich habe ihn in den Arm genommen und fest gehalten. Er hat gesagt, dass es gestern noch sehr heiß geworden sei. Du bist ja gleich wieder gegangen! Ja, ich war wieder so lange im Theater. Heute bin ich faul, heute schwimme ich nicht! Ich habe ihn gefragt, ob er mir zwei Karten reservieren könnte für die Geschwister Pfister. Er ist schnell untergetaucht und als er wieder hoch kam, hat er mich gefragt: Welchen Termin willst du denn? Ich habe gelacht, das sei eigentlich jetzt noch egal, sag es mir dann. Er hat na gut gesagt, weil uns nichts mehr eingefallen ist, ich wollte nicht, dass er weg geht. Mach wieder einen Kopfsprung, du hast schon so lange keinen mehr gemacht! Gerade vorhin! Das habe ich nicht gesehen. Das schaut wunderschön aus. Ein ganz normaler Kopfsprung! Mir elf Prosazungen, Parkgong! Nuria. En sof. Rom Rappen. Ner, Glanz, Kipur, Prag, Nom, En Sof. Ein ganz normaler Kopfsprung? Ich habe diesen Kopfsprung nicht gesehen, nur den voriges Jahr. Ich sehe mich selbst ja nicht! Ich werde dich fotografieren, wenn du einen Kopfsprung machst, Solange habe ich auch fotografiert, wie sie einen Kopfsprung macht. Er hat ironisch gelächelt, er kennt Solange ja gar nicht, er kann nur vermuten, wer das ist. Ich schwimme wieder! Adam ist aus dem Wasser gesprungen und hat beim Brunnen Wasser getrunken. Nach vierzig Längen habe ich mich geduscht und bin ihn suchen gegangen, er lag auf seinem Platz im Gras auf der abschüssigen Wiese und las ein sehr dickes Buch. Nein, das Buch lag vor ihm und er lag auf dem Bauch und sah vor sich hin, er hat mit offenen Augen geträumt und so ausgesehen, als ob er gerade sehr weit weg wäre. Ich habe ihn gefragt, ob er schlafe, er hat sich wieder gefangen und ich habe zu ihm gesagt, dass er ja nicht wisse, wie ich heiße, er hat genickt und gewartet, dass ich es ihm sage, er wirkte so streng und abweisend in dem Moment, ich konnte nicht, habe zu ihm gesagt, dass ich es ihm aufschreiben werde und habe zu ihm gesagt, dass er mir das Buch zeigen solle. Er las Witwe für ein Jahr. Ach, er hat in seinem alten, grünen Rucksack zu wühlen begonnen, dann hat er gesagt, dass er nichts zum Schreiben hätte, er hat weiter gesucht, Jetzt musst du alles ausgraben!, er hat einen Fineliner gefunden und ihn mir hingehalten, einen von denen, die MS immer verwendet hat, und einen Barblock, ich war noch ganz nass, er hat mir das Buch mit dem Titelblatt nach oben hingelegt, damit ich darauf schreiben kann, ich bin ein bisschen zur Seite gerückt, da wird ja das Buch ganz nass, ich habe es auf meinem Fuß geschrieben und ihm den Barzettel und den Stift zurück gegeben, er hat den Namen vorgelesen und alles in seinen Rucksack getan. Ich habe zu ihm gesagt, dass er ja keine Karten reservieren könne, wenn er meinen Namen nicht wisse, er hat gesagt, dass er sie unter seinem Namen reserviert hätte, ich habe ihn fragend angeschaut, ich sah wieder in seine großen dunklen Augen, bin ich erschrocken oder er? Ich weiß nicht, wie er noch heißt, voriges Jahr war es umgekehrt, da hat er mir seinen Namen gesagt und wusste meinen nicht, seltsam. Ich habe ihn noch gefragt, ob er lieber im Gras sitze, ja, das sei weicher, wenn man länger da bleibe, ich sitze lieber beim Wasser, das macht so ein angenehmes Geräusch, ich bin wieder zurück zu meinem Platz gegangen und habe das dicke Buch von Sigrid Weigel fertig gelesen, ein Meisterwerk. Kurz vor zwei Uhr bin ich noch zwanzig Längen geschwommen. Langsam glaube ich an Adams Theorie, dass dir die Leute immer zu Fleiß in die Bahn schwimmen, zuerst ist ein fremder Mann ganz nahe neben mir geschwommen, als wollte er eine Wette mit mir machen oder mich vertreiben, wollte er mir nur zeigen, dass er schneller ist? Dann sind die zwei Männer, von denen einer Adam in die Bahn geschwommen ist, als er allein im Wasser war, genau da geschwommen, wo ich geschwommen bin und haben hämisch gelächelt. Ich war so wütend wie Adam sonst immer. Ich habe mich geduscht, meine Sachen geholt, mich von Solange verabschiedet und bin zu Adam hinauf gegangen, um ihm etwas zu zeigen. Es war ein Flugblatt, Adam hat es gelesen und gemeint, die wären alle von der Filmakademie, ich habe mich von ihm verabschiedet und er hat leise und zärtlich baba gesagt. Ich habe mich umgezogen, er saß draußen in der Wiese, plötzlich war Solange wieder da, ich bin raus gelaufen, Adam sah zum Wasser hinunter, als ich draußen war, sah ich, dass ich meine Schlüssel vergessen habe, bin zurück gelaufen und habe sie geholt, habe wieder zu Adam geschaut, er sah noch immer zum Wasser hinunter. Dann war ich zum ersten Mal im neuen Studio im dritten Bezirk bei der Rochusgasse, da habe ich fünf Jahre lang gewohnt, mit MS in der Kübeckgasse, als ob mich ein Bumerang immer in diese Gegend zurück brächte! Beim Eingang stand Laurenz und hat mich angelächelt wie damals, mein Nusszweiglein, ich habe ihn gefragt, wo das sei, er hat es mir gezeigt und mich gefragt, ob ich da wirklich hin wolle. Ich habe nein gesagt, es ist aber hell und groß, im Grund viel schöner als das alte Studio, obwohl das so gemütlich war. Nach der Arbeit bin ich zur Rochusgasse spaziert, my old neighborhood. Ich bin ganz nostalgisch geworden, wollte ich nicht immer wegen MALINA im dritten Bezirk wohnen, bin ich nicht deshalb nach Wien gezogen?